Fissurenversiegelung

Vorteile und Nachteile der Fissurenversiegelung

Als Fissuren bezeichnet man die Rillen, Furchen und Grübchen auf den Kauflächen der Zähne. Sie können bis zu 5 mm tief sein und sehr fein auslaufen, wobei sie oft so eng werden, dass die Borsten einer Zahnbürste sie niemals vollkommen reinigen können. Auch die durch den normalen Kauvorgang verursachte Selbstreinigung bleibt in der Tiefe der Fissuren wirkungslos.

Leider gibt es an den tiefsten Stellen der Fissuren zu allem Überfluss oft auch noch Erweiterungen und Hohlräume, in denen sich Plaque (Wikipedia) (bakterieller Zahnbelag) festsetzt. Die bakterielle Besiedlung der Fissuren beginnt schon während des Zahndurchbruches, so dass man davon ausgehen muss, dass es plaquefreie Fissuren zu keinem Zeitpunkt gibt. Bei guter Mundhygiene sind diese Plaqueansammlungen so gering, dass sie keine Karies verursachen können. Bei schlechter Mundhygiene jedoch entwickelt sich sehr schnell eine dickere Plaqueschicht und Karies, die ganz am Anfang in den meisten Fällen weder mit dem bloßen Auge noch durch eine Röntgenaufnahme zu erkennen ist.

Aus der Erkenntnis heraus, dass die Natur unsere Zähne keineswegs pflegeleicht konstruiert hat, kam vor ca. 25 Jahren die Idee, dass man da nachhelfen könnte, indem man die Fissuren in den zerklüfteten Zahnoberflächen einfach mit einem Kunststoff ausfüllt und so die Plaqueansammlung von vornherein verhindert. Dieses Verfahren sollte ohne Bohren funktionieren, auch bei Kindern leicht anwendbar sein und einen möglichst langen Schutz der Zähne vor Karies sichern. In den Anfängen der Kunststoff Füllungstechnik gab es keine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen. Um Kunststoffe mit einem Zahn zu verbinden, musste immer ein „Loch“ gebohrt werden … einfach drankleben ging nicht.

Dies änderte sich erst mit der Entwicklung der Ätz- und Bondingtechnik. Mit diesem Verfahren wurde es möglich, die Schmelzoberflächen durch Ätzen mit Phosphorsäure ohne Materialverlust aufzurauen, und dann Kunststoffe mit speziellen Haftvermittlern recht fest mit dem so vorbereiteten Zahn zu verbinden. Damit war die Notwendigkeit zu bohren entfallen, und einer minimal invasiven Fissurenversiegelung schien nichts mehr im Weg zu stehen. Man konnte die Fissuren gründlich reinigen, anätzen, dann den dünnfließenden Versiegelungskunststoff hineinfließen lassen, aushärten, und die Sache war erledigt. Seit dieser Verbesserung wurde die Fissurenversiegelung hauptsächlich in der Kinderzahnheilkunde fast flächendeckend angewendet. Sowohl die Eltern als auch der Kinderzahnarzt und besonders die kleinen Patienten wiegten sich in Sicherheit und vermuteten, den so behandelten und geschützten Zähnen könne nicht mehr viel passieren. Und nicht nur in der Kinderzahnmedizin sondern auch bei Erwachsenen glaubte man, eine wirkungsvolle Kariesprophylaxe gefunden zu haben.

So dachte man, doch die Wirklichkeit sah etwas anders aus:

In den oben erwähnten Hohlräumen in der Tiefe der Fissuren, die man, wie ebenfalls oben erwähnt, nicht vollkommen reinigen konnte, blieben fast immer Plaquereste, sowie mehr oder weniger abgestorbene Bakterien, und dieser Brei war auch noch mit Säureresten vermischt, die man nicht vollkommen wegspülen konnte. Hinzu kam noch die eine oder andere beginnende Karies, die einfach noch zu klein war, um vor der Versiegelung erkannt zu werden. Später stellte sich heraus, dass auch sorgfältigst durchgeführte Versiegelungen nicht immer lange hielten. Die Klebewirkung der Ätz- und Bonding Technik war überschätzt worden, es kam zu Teilablösungen des Materials mit Spaltbildung, und eindringende oder bereits vorhandene Bakterien verursachten oder förderten die Kariesentwicklung. Eine defekte Fissurenversiegelung ist schlechter als gar keine.

Seit einiger Zeit können wir immer wieder ausgedehnte Karies in der Tiefe versiegelter Fissuren finden, die ja gerade durch diese Behandlung verhindert werden sollte. Mir scheint, dass sowohl Patienten als auch Zahnärzte durch die Versiegelung geradezu in trügerische Sicherheit gewiegt werden, nach dem Motto: Zahn versiegelt … da kann nicht viel passieren, auch wenn die Mundhygiene mal nicht so gut ist. Außerdem kann man Karies unter Versiegelungen erst erkennen, wenn sie dunkel durchschimmert oder im Röntgenbild sichtbar wird, und dann ist sie meistens auch schon ziemlich groß.

Versteckte Karies unter Fissurenversiegelung (dr. kuhmann, zahnnotizen)

Natürlich ist nicht jede Versiegelung immer von vorne herein zum Scheitern verurteilt. Wenn sie perfekt gemacht ist, kann das durchaus auch gut gehen, aber eben nur dann. Diese Perfektion ist aber bei zappeligen Kindern eine Illusion. Und bei schlechter Mundhygiene bringt das ganze sowieso nichts, weil dann die Karies eben vielleicht nicht auf den versiegelten Kauflächen sondern an anderen Stellen entsteht, z.B. ausgehend von den Zahnzwischenräumen, dort wo zwei Zähne in engem Kontakt stehen. Zudem ist es fraglich, ob eine Behandlung Sinn macht, die nur funktioniert, wenn sie perfekt durchgeführt werden kann und anderenfalls mehr Schaden als Nutzen bringt. Für den Praxisalltag erscheint mir das jedenfalls recht ungeeignet.

Sinnvoller wäre eine intensivere Förderung der Mundhygiene, wobei der Zahnarzt eine informierende und aufklärende Rolle hat, während die eigentliche Motivationsarbeit einen Dauereinsatz verlangt, der nur von Eltern und Erziehungsberechtigten zu leisten ist. Bei Erwachsenen sollte eine gute Aufklärung eigentlich reichen, um genügend Interesse und Engagement für die Gesunderhaltung des eigenen Kauorgans zu bewirken.

Sollte es dann trotz dieser Bemühungen am einen oder anderen Zahn zur Kariesentstehung kommen, so wird diese bei regelmäßigen und gründlichen Kontrolluntersuchungen im Anfangsstadium entdeckt und kann dann im besten Sinn des Wortes "minimalinvasiv" behandelt werden. Dies geschieht im Rahmen einer erweiterten Fissurenversiegelung.

Die erweiterte Fissurenversiegelung ist eigentlich schon eine Füllungstechnik: Mit einem sehr dünnen Diamantschleifer werden die Fissuren gerade so weit "aufgebohrt", dass der Zahnarzt beginnende Karies und Ablagerungen entfernen kann. Die dadurch entstehenden "Löcher" werden dann unter Anwendung der Ätz- und Bondingtechnik mit Kunststoff gefüllt. Das Ergebnis ist eine Minifüllung in einem perfekt gereinigten Zahn. Diese Füllung ist in der Regel sehr haltbar und dem Ergebnis der einfachen Fissurenversiegelung deutlich überlegen. Wie so viele sinnvolle Behandlungen gehört die erweiterte Fissurenversiegelung nicht zu den Kassenleistungen.

Zahnversiegelung sinnvoll? Eine Studie der Universität Kiel

In letzter Zeit mehren sich die wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die die einfache Fissurenversiegelung kritisch sehen und den Schaden oft für größer halten als den Nutzen. In jedem Fall aber ist keine Fissurenversiegelung besser als eine mittelmäßige oder schlechte.

aktualisiert vor 13 Tagen, am 10.11.2017 - 22:38.